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Wahrheit und Gewissheit - Klimaschutz und Politik

WAHRHEIT UND GEWISSHEIT;

KLIMASCHUTZ UND POLITIK

Erich Weede

 

1. Einleitung

Viele Menschen haben Angst davor, dass menschliches Handeln über Kohlendioxidemissionen und vielleicht auch andere Treibhausgase zu einer Erwärmung der Erdatmosphäre führen könnten, dass die Veränderung des Klimas die Wirtschaftskraft vieler Gesellschaften und die menschliche Lebensweise beeinträchtigen könnten (World Bank 2009). Weil Klimaveränderungen und die denkbare menschliche Verantwortung dafür ein naturwissenschaftliches Problem darstellen, muss ich als Sozialwissenschaftler zunächst einmal meine mangelnde Urteilskompetenz eingestehen. Aber offensichtlich sind nicht alle Naturwissenschaftler der Meinung, dass wir aus Gründen des Klimaschutzes unser Leben ändern müssen. Der Physiker Lüdecke (2008, S. 5) betont vor allem die Grenzen des menschlichen Wissens über das Klima: „Niemand bezweifelt ernsthaft, dass Klimawandel stattfindet, CO2 ein Treibhausgas ist und anthropogenes CO2 einen Einfluss auf Klimawerte ausübt. Die Frage ist nur, ob dieser Einfluss maßgeblich und gefährlich ist….Die Ursachen von Klimawandel sind unsicher und weitgehend unbekannt.“ Noch deutlicher werden Fred Singer (2008) und seine Kollegen in ihrem Buch: „Die Natur, nicht menschliche Aktivität, bestimmt das Klima“, Olson (2010) in seinem „Handbuch der Klimalügen“ oder Spencer (2010) in seinem Buch „The Great Global Warming Blunder“.

Weil nach der dominanten Auffassung der Klimaforscher[1] die nördlichen Industriegesellschaften Hauptverursacher des Problems, die eher südlichen Entwicklungsländer aber Hauptleidtragender des Problems sein könnten, wird eine Problembewältigung  nicht ohne sozialwissenschaftlichen Sachverstand möglich sein. Wenn Verursacher und Leidtragende eines Problems auseinanderfallen, dann ergeben sich offensichtlich Interessenkonflikte unter den Menschen und Staaten. Damit sind wir bei der Zuständigkeit der Sozialwissenschaften. Weil das Problem des Klimawandels sowohl natur- als auch sozialwissenschaftliche Fragen aufwirft, halte ich es für sinnvoll, zunächst einmal die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Aussagen überhaupt zu stellen[2] und zu fragen, worauf sich Politik bei wissenschaftlicher Beratung einlässt, auch wie man die Qualität wissenschaftlicher Beratung durch die Politik verbessern kann.  

2. Merkmale wissenschaftlicher Forschung

Manche Laien glauben, dass Wissenschaftlichkeit so etwas wie Gewissheit über den Besitz der Wahrheit garantiert. Mit Popper (1969) halte ich das für einen Irrtum. Verifikation oder endgültige Beweise sind in den empirischen Wissenschaften unmöglich – egal ob man dabei an Klimaforschung und Physik oder auch an Ökonomik und Psychologie denkt. Wissenschaftler können bestenfalls Theorien und Hypothesen aufstellen und diese überprüfen. Als ‚bewährt’ oder ‚zur Zeit gültig’ gelten dann Hypothesen oder Theorien, die bisher der Falsifikation entgangen sind. Das schließt in keiner Weise aus, dass dieselben Theorien in naher Zukunft falsifiziert werden. Außerdem ist durchaus denkbar, dass einander widersprechende Theorien gleichermaßen mit den Daten kompatibel sind. So beanspruchen nicht nur die Vertreter der dominanten Auffassung die Kompatibilität ihrer Theorie mit relevanten Daten, sondern auch der Klimaskeptiker Spencer (2010). Aber selbst wenn es zur Zeit nur eine Theorie gibt, die mit den Daten kompatibel ist, sollte man vor allem dann, wenn nicht eine Vielzahl konkurrierender Theorien ebenfalls gründlich untersucht und verworfen worden ist,  daraus keine Gewissheitsansprüche für die eigene und bisher bewährte Theorie ableiten. Phantasielosigkeit ist keine Wahrheitsgarantie.

Damit enden die grundsätzlichen Probleme der Wissenschaft noch lange nicht. Falsifikation kann nur dann unproblematisch und endgültig sein, wenn sie sich fehlerfreier Daten bedient. Fehlerfreie Daten sind zwar der Traum jedes Wissenschaftlers, aber im Alltag arbeiten wir meist mit Daten, von denen wir schon wissen, dass sie fehlerhaft und ungenau sind, und wünschen uns, dass die Messfehler nur zufällig sind und unsere Ergebnisse nicht allzu sehr verzerren. Voreilige Falsifikation eigentlich wahrer Theorien ist also denkbar – genau wie voreiliges Akzeptieren von Theorien aufgrund weniger Tests. Eine weitere Komplikation besteht darin, dass wir nicht zuletzt aus der Geschichte der Naturwissenschaften ableiten können, dass alle Theorien unter Falsifikation oder Anomalien leiden. Wir haben also nicht die leichte Wahl zwischen noch nicht falsifizierten (vulgo ‚bewährten’) und schon falsifizierten Theorien, sondern die Wahl zwischen Theorien, die an unterschiedlichen Stellen mit der beobachtbaren Wirklichkeit in Konflikt geraten.

Mit dem kritischen Rationalisten Albert (1977, S. 37) möchte ich also die Gleichsetzung von ‚Wissenschaftlichkeit’ und ‚Gewissheit über den Besitz der Wahrheit’ zurückweisen: „Die Rechtfertigung durch Rückgang auf ein sicheres Fundament beruht immer auf einer Illusion, allerdings auf einer solchen, die einem tief verwurzelten Bedürfnis entspringt: dem Bedürfnis nach Gewissheit, das man vom Erkenntnisdrang, dem Streben nach Wahrheit durchaus unterscheiden kann, Die beiden Dispositionen scheinen in ihren Konsequenzen letzten Endes unvereinbar zu sein.“ Mit Popper und Albert (1991, S. 43) möchte ich also jeden Unfehlbarkeitsanspruch in jeder Wissenschaft grundsätzlich zurückweisen. Gegenüber dem „Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)“ gibt es noch eine Reihe zusätzlicher Gründe zur Skepsis. Den bedeutsamsten Grund für meine Skepsis möchte ich dem Werk des Wissenschaftshistorikers Kuhn  entnehmen.

Im Gegensatz zu Popper oder Albert ist Kuhn kein Falsifikationist oder Fallibilist. Er zweifelt daran, dass die Wissenschaft, worunter er die Naturwissenschaft versteht, kontinuierlich voranschreitet. Für Kuhn (1976, S. 181) bieten am ehesten noch Institutionen und bestimmte Merkmale der wissenschaftlichen Gemeinschaft Anlass zur Hoffnung auf Erkenntnisfortschritt, für ihn „bietet das Wesen solcher Gemeinschaften fast eine Garantie dafür, dass sowohl die Anzahl der von der Wissenschaft gelösten Probleme wie auch die Exaktheit der einzelnen Problemlösungen immer weiter wachsen werden. Jedenfalls ist es das Wesen der Gemeinschaft, das, wenn überhaupt irgendetwas, eine solche Garantie bietet.“ Das Wesen der wissenschaftlichen Gemeinschaften charakterisiert Kuhn (1976, S. 175, 179-180) vor allem durch drei Merkmale bzw. Regeln: 1. „Trotzdem gibt es keine anderen Berufsgemeinschaften, in welchen die kreativen Arbeiten des einzelnen so ausschließlich an andere Mitglieder der Gruppe gerichtet ist und von diesen bewertet wird.“ 2. „Noch wichtiger ist, dass die Absonderung der wissenschaftlichen Gemeinschaft von der Gesellschaft es dem einzelnen Wissenschaftler erlaubt, seine Aufmerksamkeit auf Probleme zu konzentrieren, von denen er begründet annehmen darf, dass er sie lösen kann.“ Dieser Punkt ist deshalb so wichtig, weil damit die vermutete Lösbarkeit von Problemen die absolute Priorität vor der sozialen Dringlichkeit erhält. Die weitgehende Isolation der Wissenschaft von gesellschaftlichen und politischen Forderungen ist dabei als institutionelle Voraussetzung des Erkenntnisfortschritts gedacht. 3. „Eine der stärksten, wenn auch noch ungeschriebenen Regeln des wissenschaftlichen Lebens ist das Verbot von Appellen an Staatsoberhäupter oder die ganze Bevölkerung in Angelegenheiten der Wissenschaft.“ Wenn Kuhn mit seiner Analyse der institutionellen Voraussetzungen des Erkenntnisfortschritts recht hat, dann untergräbt die Politisierung der Forschung systematisch deren Erfolgsaussichten.[3]

Auch von Kuhns (1976) Unterscheidung zwischen paradigmatischer und revolutionärer Wissenschaft kann man etwas lernen. Wenn Kuhns Vorstellung, dass paradigmatische Phasen der Wissenschaft, in denen ein gewisser theoretischer und methodologischer Minimalkonsens vorliegt, und revolutionäre Phasen, in denen genau dieser Konsens überwunden wird, einander in der Wissenschaft ablösen können, dann muss man sich fragen, ob nicht die Gefahr besteht, dass über das Instrument des „peer review“ die etablierten Wissenschaftler ein Machtinstrument in den Händen halten, das den wissenschaftlichen Fortschritt verlangsamen kann.

Weil sich die Wissenschaftsphilosophen vorwiegend mit den Naturwissenschaften und deren Geschichte beschäftigt haben, möchte ich hinzufügen, dass Skepsis statt Glaubensgewissheit oder Unterwerfung unter Autoritäten auch in den Sozialwissenschaften Voraussetzung für Erkenntnisfortschritt ist. Wie man etwa an der Anzahl der Nobelpreise ablesen kann, ist die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung der Universität Chicago eine besonders erfolgreiche Fakultät. Das kann man darauf zurückführen, dass der Geist dieser Fakultät von Forschern geprägt wurde, die radikale Infragestellung des wissenschaftlichen Status quo für ihre Aufgabe hielten (Nelson 2010, S. 183). Wie Spencer (2010, SS. 120-121) beunruhigt mich deshalb: „The IPCC was never tasked to find alternative explanations for global warming…..The IPCC leadership has purposely avoided what is a fundamental tenet of  scientific investigation: testing alternative hypotheses.“

3. Wissenschaft und Politik

Während  Wissenschaft von Kritik und Zweifel lebt – vom Wissen, dass es Gewissheit über den Besitz der Wahrheit nicht gibt und geben kann – verlangt die Politik eher die Unterdrückung von Zweifeln. Den Wissenschaftler muss es deshalb äußerst beunruhigen, dass das IPCC zuerst Zusammenfassungen für Politiker schreibt und erst danach die Fachberichte (Lüdecke 2008, S. 28). Es muss auch beunruhigen, dass durch die Zusammenarbeit von Politikern und der dominanten Strömung der Klimaforschung viel mehr Geld für die Erforschung denkbarer menschlicher als ebenfalls denkbarer natürlicher Determinanten der Erwärmung Ende des 20. Jahrhunderts zur Verfügung gestellt worden ist (Spencer 2010, S.157). Das mag gute Standespolitik für die dominante Richtung der Klimaforscher sein, aber eine positive Funktion für den Erkenntnisfortschritt kann diese ungewöhnliche Prozedur nicht haben. Wie auch immer erzeugte Einstimmigkeit der Wissenschaft oder des sichtbaren Teils davon kann zwar politische Entscheidungen legitimieren, aber nur um den Preis der Gefährdung des Erkenntnisfortschritts. Wenn natürliche Determinanten der Erwärmung nur von Außenseitern mit Hausmitteln  erforscht werden, dann hat der Konsens der Forscher einen üblen Beigeschmack.

In stark politisierten Forschungsbereichen müssen deshalb besondere Vorkehrungen getroffen werden, um Vielfalt sicherzustellen und voreiligen Konsens zu verhindern, etwa durch  Bildung eines Teams B neben dem Intergovernmental Panel on Climate Change.[4] Dessen Aufgabe könnte darin bestehen, die Arbeit des IPCC einer wissenschaftlichen Kritik zu unterziehen, durchaus mit dem Ziel der Falsifikation der dort vertretenen Theorien. Oder mit dem Ziel  zu zeigen, dass die Klimaerwärmung natürliche Ursachen hat. Das ist der Ansatz von Spencer (2010, S. 153), der nicht nur im Gegensatz zum IPCC glaubt, einen negativen Feedback der CO2-Effekte belegen zu können, sondern außerdem mit den ‚Pacific Decadal Oscillations’ und der Wolkenbildung eine alternative Erklärung für die Erwärmung am Ende des 20. Jahrhunderts anbietet, gleichzeitig – wieder im Gegensatz zum IPCC – auch eine leichte Abkühlung von den 1940er bis zu den 1970er Jahren erklären kann und für die kommenden Jahrzehnte entweder eine Abkühlung oder höchsten gleichbleibende Temperaturen erwarten lässt. In gewisser Weise ist das NIPCC so ein Team B (Singer 2008). Ich befürchte allerdings, dass das IPCC wesentlich mehr Ressourcen zur Verfügung hat als die private Konkurrenz, vor allem auch dass das IPCC jüngeren Wissenschaftlern eher verlockende Karrierechancen bieten kann als die Konkurrenz. Möglicherweise benötigt man auch ein Team C, dass sich primär der Frage widmet, ob Anpassung an den Klimawandel (falls er kommt) oder der Versuch seiner Verhinderung preiswerter ist  bzw. ob und welche Anpassungsstrategien denkbar seien. Nach Goklany (2008) werden die Menschen auf absehbare Zeit besser leben, wenn das Wirtschaftswachstum nicht im Interesse des Klimaschutzes  verlangsamt wird, sondern unerwünschte Nebenwirkungen – wie z.B. eine zunehmende Verbreitung der  Malaria – direkt bekämpft werden.

Entscheidend wäre es, den im Dunstkreis des IPCC einflussreichen Klimaforschern die Möglichkeit zu nehmen, implizite oder stillschweigende Kartelle der gegenseitigen Begünstigung bei Gutachten (peer review bei  Forschungsanträgen und Publikationen) zu nehmen. Das Problem besteht natürlich nicht nur bei Klimaforschern, sondern immer und überall in  der Wissenschaft.[5] Gerade deshalb darf man den Klimaforschern keine Immunität gegenüber dieser allgemein-menschlichen Neigung unterstellen.  Wenn die Politik die Konsensbildung in einem Wissenschaftsbereich  fördert, dann ist das eine gefährliche Strategie, die mich beunruhigt. Weil nicht auszuschließen ist, dass die IPCC-Klimaforscher recht haben, halte ich mehr finanzielle Mittel für die Klimaforschung für richtig.

Aber Gewissheit darüber, dass die Klimapessimisten um das IPCC recht haben, gibt es nicht. In internen E-Mails britischer Forscher konnte man folgendes lesen: „The fact is that we can’t account for the lack of warming at the moment and it is a travesty that we can’t… the data are surely wrong. Our observing system is inadequate (CATO Policy Report (1) 2010, S. 12).” Natürlich ist es denkbar, dass Widersprüche zwischen Theorie und Daten nicht auf falsche Theorien, sondern auf fehlerhafte Daten zurückzuführen sind. Aber wenn Wissenschaftler bei solchen Widersprüchen grundsätzlich so vorgingen, dann würde es unmöglich aus Erfahrung zu lernen, dann könnten falsche Theorien nie durch Erfahrung widerlegt werden, sondern könnten endlos überleben. Schlimmer noch als die (möglicherweise richtige, aber prinzipiell gefährliche) Erklärung von Widersprüchen zwischen Theorie und Daten durch Datenkritik ist es, wenn man mit falschen Daten Panikmache erzeugt – wie mit dem angeblichen Abschmelzen der Himalajagletscher in nur 25 Jahren (von Rauchhaupt 2010, S. 29).

So ganz ausgeräumt scheinen die Bedenken bei vielen Fragen noch nicht zu sein: weder beim ungebrochenen Erwärmungstrend, noch bei der zeitlichen Abfolge von Anreicherung der Atmosphäre mit Treibhausgasen und Erderwärmung, noch beim zu erwartenden Ausmaß der Erwärmung bei weiter wie bisher steigenden Emissionen (Engel 2009; Lüdecke 2008; Olson 2010; Spencer 2010). Unter den Kritikern der dominanten Auffassung gibt es sogar Stimmen, die statt einer Erwärmung eine neue kleine Eiszeit erwarten (Olson 2010, S. 54). Katastrophenszenarien scheinen vor allem  auf  zwei Prämissen aufzubauen. Einmal wird die Verwendung von Computersimulationen für unproblematisch gehalten,[6] obwohl diese mit der Abbildung der Klimageschichte Schwierigkeiten haben, obwohl solche Simulationen eigentlich überall (auch in der Ökonomik oder internationalen Politik) mit gewaltigen Validierungsproblemen zu kämpfen haben. Außerdem setzen Katastrophenszenarien Rückkoppelungseffekte steigender CO2-Emissionen voraus,  die ad hoc, unverstanden und unzureichend belegt sind (Lüdecke 2008, S. 52-53). Nach Spencer (2010, 5. Kapitel) ist es sogar so, dass das IPCC das Vorzeichen der Feedbackeffekte falsch einschätzt, mit positiven statt mit negativen Feedbacks arbeitet. Trotzdem würde ich als Laie nicht ausschließen wollen, dass immer noch Klimapessimisten recht behalten könnten. Weil ebenfalls nicht auszuschließen ist, dass die gegenwärtig dominante Forschungsrichtung sich später mal als Irrtum erweist, dass „CO2-Vermeidung“ – wie Lüdecke (2008, S. 88) schreibt – „sinnlos und überflüssig“ ist, sollte ein großer Teil der Mittel an heterodoxe, dem IPCC skeptisch gegenüberstehende Wissenschaftler gehen.

Nicht nur in der naturwissenschaftlichen Klimaforschung, sondern auch in der sozialwissenschaftlichen Erforschung der – falls die dominante Meinung der Klimapessimisten recht haben sollte – aus dem Klimawandel folgenden Interessenkonflikte und Problembewältigungsstrategien besteht die Gefahr von verfrühtem Konsens. Durchaus auf den Befürchtungen des IPCC aufbauend, kommt der Ökonom Sinn (2009, S. 12) zu einem vernichtenden Urteil über die Effizienz der deutschen Umweltpolitik; er befürchtet sogar: “Die grüne Politik hat die Erderwärmung beschleunigt.“[7] Bisher standen Schuldfragen und die Zuweisung von Verschmutzungsrechten im Mittelpunkt der Verhandlungen. Sicher hat der Handel mit Verschmutzungsrechten gegenüber einfachen Verboten oder Festschreibungen von Emissionsmaxima gewisse Vorteile. Dennoch hat Collier (2010, S. 183) angemerkt: „The big international conferences – Kyoto and Copenhagen – give rise to haggling between national governments over who should pay what to whom. Instead, we need to start from the principle of efficient response – a commonly agreed upon shadow price for carbon, and work from that.” Ein global einheitlicher Schattenpreis für Kohlendioxidemissionen würde es vermeiden, dass Emittenden ihre Aktivitäten einfach aus einer in eine andere Jurisdiktion verlegen, was für das Weltklima keine positiven Effekte hätte.

Fruchtloser Streit um Schuldfragen ist überflüssig. Mit Collier (2010, S. 197) meine ich: „Nobody need feel guilty about past carbon emissions.” Das gilt sogar dann, wenn die dominante oder IPCC-Meinung richtig sein sollte. Hätte es nie eine industrielle Revolution gegeben, dann wäre die ganze  Menschheit heute noch arm. Hätte die ganze Welt gleichzeitig die industrielle Revolution erlebt, dann wäre – die Richtigkeit der IPCC-Meinung über Kohlendioxid und andere Treibhausgase vorausgesetzt – die Klimakatastrophe wohl zu schnell für Gegenmaßnahmen gekommen. So gesehen hat die Menschheit Glück damit gehabt, dass die industrielle Revolution zunächst nur in Westen stattfand. Aber dieser Durchbruch nützt über die Vorteile der Rückständigkeit auch den noch armen Ländern, die deshalb schneller als die ersten Industrieländer die Massenarmut überwinden und die Sterblichkeit verringern können (Weede 2006).

4. Gegen Ökologie als Religionsersatz

Das Bemühen um Erkenntnis und die Suche nach Wahrheit wird auch dadurch gefährdet, dass die Ökologie für viele Menschen zum Religionsersatz wird. Die alte Frage, ob die Menschen in Übereinstimmung mit den göttlichen Geboten leben, wird dann durch die neue Frage, ob wir nachhaltig leben ersetzt (Nelson 2010, S. 86). Das ist natürlich auch eine wissenschaftliche Frage. Aber der quasi-religiöse Charakter vieler Grüner zeigt sich vielleicht am deutlichsten an der mangelnden Bereitschaft zur Diskussion der Frage, ob Klimaschutz vielleicht die Kernenergie notwendig macht. Eine Sünde durch eine andere zu ersetzen, das ist für Theologen keine attraktive Strategie. Für ungläubige Rationalisten bzw. Ökonomen dagegen ist die Wahl eines kleineren Übels dagegen kein grundsätzliches Problem.[8]

Natürlich kann man denselben Vorwurf des Abgleitens in Religion durchaus auch vielen Ökonomen machen (Nelson 2010). Aber Ökonomik und Ökologie unterscheiden sich in der Akzeptanz durch die Bevölkerung. Grundsätzliche Auffassungen der Fachvertreter der Ökonomik zum  Freihandel oder Knappheitspreisen, zu Minimallöhnen oder Kündigungsschutz werden noch nicht einmal in den USA von der Masse der Laien geteilt (Caplan 2007), obwohl in den USA die Akzeptanzprobleme von Kapitalismus oder Marktwirtschaft wesentlich geringer sind als bei uns in Deutschland.  Kapitalismus- und Ökonomiekritik kann also immer weit verbreitete Ressentiments als Legitimationsreserve zur Infragestellung anzapfen. Schon die Verwendung des Begriffs ‚Marktfundamentalismus’ als Schimpfwort deutet an, dass unkritische Akzeptanz nicht die Gefahr ist, mit der das orthodoxe ökonomische Denken in unserer Zeit konfrontiert ist.

Im Gegensatz dazu scheint Umweltschutz ‚um jeden Preis’ weniger Akzeptanzprobleme zu haben und mit einem (den Preis) Nichtwissen-Wollen bzw. einem Frage- und Denkverbot kombiniert zu sein – jedenfalls solange bis wir den Preis eines vielleicht übertriebenen oder ineffizienten Umweltschutzes am eigenen Leibe erleben.[9] Glaubensgewissheit ist in der Wissenschaft eben keine ‚frohe Botschaft’, sondern der Anfang vom Ende der Wissenschaft – auch wenn Politiker und das Volk das anders empfinden.

 

Literatur

Albert, Hans (1977): Kritische Vernunft und menschliche Praxis. Reclam, Stuttgart.

______ (1991): Traktat über kritische Vernunft. 5. Aufl. Mohr Siebeck, Tübingen.

Burkhart, Ross E., and Indra de Soysa (2010): Capitalism is Cool! Free Markets, Sustainability, and the Natural Thermostat, 1970-2006. Paper presented at the New Orleans Meeting of the International Studies association.

Caplan, Bryan (2007): The Myth of the Rational Voter. Why Democracies Choose Bad Policies. Princeton University Press, Princeton, NJ.

CATO Policy Report (2010): The real smoking gun: corruption of peer reviewed research? CATO Policy Report 32(1): 12-13.

Collier, Paul (2010): The Plundered Planet. How to reconcile prosperity with nature. Penguin (Allen Lane), London.

Economist, The (2009): Getting warmer. A special report on climate change and the carbon economy. The Economist, December 5th.

Engel,  Gerhard  (2009): Menschengemachter Klimawandel? Aufklärung und Kritik 1: 65-93.  

Gelernter, David ((2010): Eine Aschewolke aus Antiwissen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 96, Montag, 26. April 2010: 29.

Goklany, Indur M. (2008): What to Do about Climate Change? Policy Analysis 609, CATO Institute, Washington, DC. 

Hoffman, Bruce (2010): American Jihad. The National Interest 107, May/June, 17-27.

Kuhn, Thomas S. (1976):  Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt.

Lakatos, Imre (1974): Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekonstruktionen. In Imre Lakatos und Alan Musgrave (eds.): Kritik und Erkenntnisfortschritt. Vieweg, Braunschweig.

Lüdecke: Horst-Joachim (2008): CO2 und Klimaschutz. Fakten, Irrtümer, Politik. Bouvier, Bonn.

Nelson, Robert H. (2010): The New Holy Wars.  Economic Religion Vs. Environmental Religion in Contemporary America. The Pennsylvania State University Press, University Park, PA.

Olson, Harry G. (2010): Handbuch der Klimalügen. TvR Verlag, Jena.

Popper, Karl R. (1969): Logik der Forschung. 3. Aufl. Mohr Siebeck, Tübingen.

Schramm, Carl. J. (2010): Made in America.  The National Interest 107, May/June: 38-46.

Singer, Fred, Hg. (2008): Die Natur, nicht menschliche Aktivität, bestimmt das Klima. TvR Medienverlag, Jena.

Sinn, Hans-Werner (2009): Warum die Umweltpolitik neu definiert werden muss. Frankfurter Allgemeine Zeitung 282, Freitag, 4. Dezember 2009: 12.

Spencer, Roy W. (2010): The Great Global Warming Blunder: How Mother Nature Fooled the World’s Top Climate Scientists. Encounter, New York.

Von Rauchhaupt, Ulf (2010): Voodoo statt Wissenschaft. Gletscherlüge des Klimarats. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17, Donnerstag, 21. Januar 2010: 29.

Weede, Erich (2006): Economic Freedom and Development. CATO Journal26(3): 511-524.

World Bank (2009): World Development Report 2010. Development and Climate Change. World Bank, Washington.

 


[1] Mit dem Ausdruck ‚dominant’ meine ich nur, dass diese Auffassung die öffentliche Diskussion beherrscht. Ob die dominant Auffassung auch die der Mehrheit der Fachleute ist, ist schon umstritten (Olson 2010, S. 13-15). Wie in jeder Wissenschaft, kann man sicher auch hier über die Abgrenzung des Kreises der Sachkundigen streiten.

[2] Zwar gibt es Sozialwissenschaftler, die die methodologische Eigenständigkeit ihres Fachs bzw. ihrer Fächergruppe in Abgrenzung von den Naturwissenschaften behaupten, aber ich gehöre nicht dazu. Als  kritischer Rationalist orientiere ich mich an Popper (1969) oder Lakatos (1974) und erkenne die methodologische Vorbildfunktion der Naturwissenschaften für die Sozialwissenschaften ausdrücklich an.

[3] Nicht nur die Vertreter der dominanten oder IPCC-Auffassung, sondern auch Klimaskeptiker wie Spencer (2010) wenden sich inzwischen an die Öffentlichkeit.

[4] In den 1970er und 1980er Jahren hatte ein Team B die Aufgabe den gängigen strategischen Konsens in den USA über die sowjetische Bedrohung und Politik infrage zu stellen. An diesem Vorbild orientiert schlägt Hoffman (2010) vor, auch im ‚Krieg gegen den Terror’ ein Team B zu bilden.

[5] Vgl. etwa Schramm (2010, S. 42) zu diesem Problem im Zusammenhang mit Innovationen, die für das Wirtschaftswachstum relevant sind.  Zur Klimaforschung beklagt der CATO Policy Report (2010, S. 13) „the attempt to undermine the credibility of skeptics by chiding them for not publishing in peer-reviewed journals – while working behind the scenes to prevent skeptics from being able to publish in those journals.”

[6] Eine interessante und grundsätzliche Kritik an Computersimulationen stammt von einem renommierten Computerwissenschaftler (Gelernter 2010).

[7]Eine ähnliche Auffassung vertritt auch der Economist (2009, S. 4 und 26): „The policies adopted to avoid dangerous climate change have been partly misconceived and largely inadequate….Too little effort is going into carbon pricing and too much money into subsidies. The system is getting fat with pork; and the more pork there is, the smaller the chance that the world can cut its emissions without causing serious damage to its economy.“

[8] Sinn (2009) will deshalb die Nutzung der Atomenergie nicht ausschließen.

[9]Nichts würde unsere Umweltaktivisten und Klimaschützer mehr verunsichern – wenn sie bereit wären, es zur Kenntnis zu nehmen – als der Zusammenhang von wirtschaftlicher Freiheit und Umweltschutz. Nach Burkhart and de Soysa (2010) trägt wirtschaftliche Freiheit signifikant zur Verbesserung des Umweltschutzes bei, auch zur Verringerung von CO2-Emissionen.