Ein Sprichwort sagt, man müsse sich weniger vor seinen Feinden fürchten als vor falschen Freunden, insbesondere vor denen, die eine gemeinsame Sache nur halbherzig verteidigen.

Für die Freunde der Freiheit droht demnach große Gefahr weniger von sozialdemokratischen Befürwortern einer gelenkten Gesellschaft, sondern vielmehr von Scheinliberalen. Mit Scheinliberalen verhält es sich wie mit Herrn Tur Tur, dem Scheinriesen aus dem Märchen „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Herr Tur Tur wirkt aus der Ferne wie ein Riese. Je mehr man sich ihm nähert, desto stärker schrumpft er auf seine tatsächliche, recht durchschnittliche Größe zusammen. Scheinliberale klingen so, als würden sie freiheitliche Positionen vertreten. Sobald man allerdings über ihre Aussagen nachdenkt, fallen mangelnde Prinzipientreue und Konsequenz auf. In der bundesdeutschen Politik sind Scheinliberale sehr präsent. Denken Sie an die Durchhalteparolen und das maskenhafte Muntersein der Führungscrew einer Partei oder an Vertreter großer Unternehmen und Wirtschaftsverbände. Für die praktizierte Politik wie die Programmatik gilt von der Außen- über die Gesundheits- bis zur Wirtschaftspolitik: viel Scheinheiligkeit, wenig freiheitliche Substanz.

Die Gefahren, die von einem scheinheiligen Liberalismus ausgehen, werden heute drastisch unterschätzt. Zwei Entwicklungen sind besonders bedrohlich: Erstens verwechseln Menschen wahre liberale Positionen mit dem sozial-demokratischen Gemurkse, das ihnen tagtäglich medial aufgetischt wird. Zweitens werden die unter einem liberalen Deckmantel praktizierten interventionistischen und Sonderinteressen begünstigenden Praktiken dem Liberalismus zur Last gelegt. Die aktuelle Weltwirtschafts- und Schuldenkrise – Folge einer Liberalisierung der Finanzmärkte und gieriger Kapitalisten?

Regelmäßig lohnt sich die Beschäftigung mit Positionen aus einem gegnerischen Lager. Das gilt beispielsweise für die Argumentation des scharfzüngigen konservativen Publizisten Armin Mohler (1920-2003), der mit seiner Schrift „Gegen die Liberalen“ eine „fulminante Liberalenbeschimpfung“ vorgelegt und die Unhaltbarkeit liberaler Positionen nachgewiesen haben soll.

Tatsächlich ist „Gegen die Liberalen“ eine recht passable Polemik, die sich eben gegen die übermäßig verbreitete Spezies der Scheinliberalen richtet, die zuweilen auch als Lifestyle-Liberale auf „Events“ publikumswirksam auftreten. Insofern hat Armin Mohler recht, wenn er konstatiert: „Zum einen scheitert der Liberalismus als gesellschaftlicher Gesamtentwurf täglich stets aufs neue, da reicht ein Blick aus dem Fenster.“ Unrecht hat er aber, wenn er das Scheitern dem Liberalismus und nicht den Scheinliberalen anlastet.

Es lohnt sich seine Kernargumente kurz zu betrachten, zumal diese weit verbreitet sind:

  1. Die These, eine liberale Gesellschaft zehre von konservativen Werten, sitzt dem verbreiteten Vorurteil auf, eine liberale Ordnung sei werte- und traditionslos.
  2. Der Vorwurf, Liberale seien wirklichkeitsfremd, hat den argumentativen Charme eines „Das haben wir schon immer so gemacht!“. Bekanntlich sind Utopien von heute vielfach Realitäten von morgen.
  3. Albern wird es allerdings, wenn Armin Mohler argumentiert, „das Individuum gibt es gar nicht. Es ist eine Erfindung“. Diese Utopie konnten nicht einmal die Nationalsozialisten, geschweige denn die Sozialisten in Moskau verwirklichen. Auch „Gender-Mainstreamer“ und Gleichstellungsfanatiker werden zwangsläufig an unserer Individualität scheitern.
  4. Treffend ist die Reduktion des Liberalismus auf eine bloße Absichtserklärung durch einen Menschenschlag, der sich allerdings lediglich selbst liberal nennt, ohne es zu sein.
  5. Die immer wieder behauptete mangelhafte Verwurzelung des Liberalismus in Deutschland hat Ralph Raico mit seiner glänzenden Studie „Die Partei der Freiheit“ als Mythos entlarvt.
  6. Die ständige Wiederholung, wir würden in einer liberalen Gesellschaft leben, ist angesichts der allgegenwärtigen Dominanz sozialdemokratischer Politiker, sozialer Korrektheit und Gerechtigkeit leider nur ein Zerrbild.
  7. Mangels belastbarer Argumente flüchtet Armin Mohler schließlich in kontra-faktische Schmähungen, etwa wenn Liberale mit „Erregung von Ekel“ und „Egalitarismus“ eine Kulturrevolution angezettelt haben sollen.

Ungewollt treffend bringt Martin Lichtmesz im Nachwort der Schrift die geradezu zeitlos aktuelle Lage auf den Punkt: „heute ist der Linke von Liberalen kaum mehr zu unterscheiden und umgekehrt.“

Was bleibt zu tun? Es ist eine Frage der politischen und philosophischen Hygiene, Scheinliberale als das zu entlarven, was sie sind: eine große Gefahr für die Freiheit.